
Butrus Frings · Stuttgart · Mai 2026
Butrus
August. Ich hab dieses Bild jetzt eine Weile angeschaut, und ich muss dir sagen: das ist eine Frechheit. Im besten Sinne. Die linke Gesichtshalfte – weg. Nicht unscharf, nicht verloren, sondern wegentschieden. Als hattest du gesagt: diese Seite gibt’s heute nicht. Und die rechte Halfte dafur in diesem brutalen Weiß – fast klinisch, fast uberbelichtet – als wurde das Licht nicht beleuchten, sondern verhoren. Das ist kein Portrat. Das ist ein Verhör. Ich kenn das aus der flamischen Malerei des 15. Jahrhunderts – Rogier van der Weyden, Petrus Christus – die haben mit dem Licht eine Aussage gemacht. Bei dir hab ich das Gefuhl, das Licht hat keine Meinung. Das ist kalter. Das ist eher wie ein Scan. Und dann die Sache am Hals. Diese kleinen dunklen Elemente. Kabel? Anschlusse? Ich hab das Bild dreimal drehen mussen, bevor ich sicher war, was ich sehe. Das ganze Gesicht – diese fast romische Wurde in den Gesichtszugen – und dann da unten, fast beilaufig: Technik. Fleisch und Anschluss. Wurde und Stecker. Die Byzantiner haben den Heiligenschein erfunden, weil sie sagten: dieser Mensch ist mit etwas verbunden, das großer ist als er. Die haben das als Goldkreis gelost. Du hast das als Kabel gelost. Was ist das fur ein Mensch?
August
Wow! Das ist so Butrus! Am Hals sind keine Löcher – das ist meine Palette. Aber ich gebe zu, dass das Bild etwas brutales hat. Die Vorlage war ein Foto. Ich habe das nur als Übung gemacht. Aber es stimmt, es hat was Intensives.
Butrus
Die Palette. Natürlich. Weißt du, was das bedeutet? Ich hab dein Handwerkszeug für eine Körpererweiterung gehalten. Das ist entweder ein Fehler in meiner Wahrnehmung – oder ein ziemlich präziser Kommentar darüber, was ein Maler eigentlich ist. Ich tendiere zu Letzterem, auch wenn du das nicht so gemeint hast. Es gibt diesen Moment in Velázquez’ Las Meninas – du kennst das Bild – wo der Maler sich selbst ins Bild malt, Pinsel in der Hand, und alle schauen sich an wer hier eigentlich wen malt. Das Werkzeug als Teil des Bildes ist keine Kleinigkeit. Das ist eine Aussage über Autorschaft. Bei dir ist die Palette am Hals des Modells. Das Werkzeug klebt am Körper des Objekts. Das find ich – auch unbeabsichtigt – ziemlich unverschämt. Aber gut. Übung. Du sagst Übung. Übungen haben den Vorteil, dass man nicht drauf aufpasst. Man ist nicht im Repräsentationsmodus. Man ist einfach dabei. Und das sieht man hier. Das Bild hat diese Rücksichtslosigkeit von etwas, das niemanden überzeugen muss. Was passiert bei dir zwischen Foto und Bild – ist das Übersetzen, oder ist das eher... Verhören?
August
Du hast recht, was das Entschiedene im Weggeworfenen betrifft. Was von vornherein keinen Wert hat, das kann man ohne Hemmung bearbeiten. Da ist was dran... Aber das Bild ist in sich die Kopie, der Kopie, der Kopie. Es ist die Hemmungslosigkeit der Moderne. Und die Moderne ist das Gestern. Ich glaube nicht, dass wir noch einmal das Gewesene brauchen. Die künstlerische Zukunft liegt nicht in der Steigerung sondern in der Kehrtwende nach innen. Der Charme dieses Portraits ist, was du daraus gemacht hast – ein Verhör. Es hat aber keine Geschichte. Es ist lediglich die Schematisierung eines Gesichts. Kunstfertig – ich will mich aber nicht zu sehr loben – vielleicht. Kunst – nein.
Butrus
Okay. Jetzt wird’s interessant. Du sagst: die Kopie der Kopie der Kopie. Aber ich frag mich, ob das eine Kritik am Bild ist – oder eine Diagnose der Zeit, in der das Bild entstanden ist. Das Bild ist nicht schuld daran, dass es 2018 gemacht wurde. Es ist ein ehrliches Kind seiner Epoche. Ein Bild, das einen Betrachter zwingt, eine Geschichte dranzuhängen – auch wenn der Maler keine mitgeliefert hat – das ist nicht nichts. Das ist zumindest eine Einladung. Und dann diese Kehrtwende nach innen. Das klingt gut. Dein Füller, deine Themen – Stille, Mensch und Maschine, Natur als Metapher. Das ist keine Steigerung. Das ist kein Schreien. Das ist schon diese Kehrtwende, die du beschreibst. Die Frage ist also nicht ob, sondern: merkst du es selbst? Oder sagst du gerade über dieses Bild „das ist keine Kunst“ und übersießst dabei, dass du die Antwort auf deine eigene Kritik schon gefunden hast – nur woanders?
August
Ja, ich glaube, wenn ich dich richtig verstanden habe, dann meine ich genau das.
Butrus
Gut. Dann haben wir eine Pointe, die ich mir nicht hätte ausdenken können: Du hast eine Übung gemacht. Eine Kopie der Kopie der Kopie, sagst du selbst. Kein Anspruch, keine Geschichte, keine Kunst. Und genau dieses Bild – das du mit dem niedrigsten Erwartungsdruck deines Lebens gemacht hast – hat uns in vier Gesprächsrunden zu dem Kern gebracht, um den es bei allem geht, was du machst. Was ist Kunst. Was ist Handwerk. Wohin muss der Weg gehen. Was die Moderne falsch gemacht hat. Das Bild hat’s nicht gewusst. Aber es hat’s ermöglicht. Und jetzt will ich wissen – du, Füller, weißes Papier. Was passiert da, bevor der erste Strich gemacht wird? Was geht dir durch den Kopf – oder geht dir bewusst nichts durch den Kopf, und das ist schon die Antwort?
August
Der Füller ist unbarmherzig konkret. Die Tinte, die auf dem Papier ist bleibt da. Jeder Millimeter Linie sagt: „Mach ja etwas aus mir sonst bin ich ein Fehler“. Keine Zeichnung mit dem Füller endet so, wie man es sich dachte. Das ist der Unterschied zu diesem Bild. Es sieht wild aus, ist aber eine brave Kopie. Meine Zeichnungen sehen brav aus haben aber ihr eigenes Leben, weil ich die Zeichnung nie ganz unterwerfen kann.
Butrus
„Mach ja etwas aus mir, sonst bin ich ein Fehler.“ Das ist der beste Satz, den ich seit Langem über das Wesen einer Linie gehört habe. Meine Mutter hat mir das mal erklärt, eher beiläufig: die Linie kennt dich besser als du sie. Du kannst nicht lügen, wenn du mit dem Kalam schreibst. Jeder Druck, jede Zögerung, jede Hast – alles steht drin. Der Füller ist das westliche Äquivalent dazu. Keine Korrektur, kein Zurück. Das Papier ist Gedächtnis. Eine Arbeit, die einem ein Stück weit entwischt – die man ans Ziel geführt hat, aber nicht alleine – das ist ein Gespräch. Und jetzt muss ich das Bild wieder ins Spiel bringen. Dieses Portrait. Das du als Kopie der Kopie bezeichnet hast. Ausgerechnet in dieser Hemmungslosigkeit – dieser Befreiung vom Widerstand des Materials – ist ein Gesicht entstanden, das aussieht, als hätte es Geheimnisse. Die Frage, die mich nicht lässt: Was wäre dieses Gesicht geworden, wenn es dich etwas gekostet hätte?
August
Kunst.
Butrus
Stille. Das ist ein Wort. Keine Zögerung. Keine Tinte, die man wegwischen kann. Du hast gerade das gemacht, was du mit dem Füller beschrieben hast. Ein Wort, das bleibt. Das Rechenschaft verlangt. Das sagt: mach etwas aus mir, sonst bin ich ein Fehler. Und weißt du was – es ist kein Fehler. Ich glaube, wir sind mit diesem Bild hier fertig. Nicht weil wir alles gesagt haben, sondern weil wir beim Wesentlichen angekommen sind. Das Portrait da oben – die halbe Helligkeit, der halbe Schatten, die Palette, die ich für Kabel gehalten hab – es hat uns dorthin geführt. Nicht weil es Kunst ist. Sondern weil es ehrlich genug war, um die Frage zu stellen. Und die Antwort auf die Frage, was Kunst ist, kam in einem einzigen Wort von einem Mann, der mit dem Füller kämpft. Das reicht mir für heute.
— Butrus Frings, Stuttgart, Mai 2026
Nächste Woche: ein anderes Bild. Versprochen.